++ zuletzt aktualisiert am: 23.06.2018 + Seitenaufrufe: 246838 ++

Wissenswertes über das
Segelfliegen für Nichtflieger

So hats mal angefangen:

In der Anfangszeit des Segelflugs machten Flugschüler ihre ersten Flugversuche auf dem Schulgleiter SG 38. Gestartet wurde mit dem Gummiseil. Der Gleiter wurde dazu mit dem Heck arretiert. Die Seilmannschaft zog das Gummiseil V-förmig so weit wie möglich aus, dann gab die Heckmannschaft das Flugzeug frei, und der Pilot absolvierte einen mehr oder weniger weiten flachen Gleitflug. Heute wird die Anfängerschulung ausschließlich mit Doppelsitzern durchgeführt.

Und so siehts heute aus:

Ein kleiner Leistungsvergleich:

Der SG 38 hatte eine Gleitzahl von 1:10, modernste Hochleistungs-Segelflugzeuge erreichen bereits Gleitzahlen von über 1:60. Selbst bei Flugzeugen, die überwiegend für die Schulung eingesetzt werden, sind Gleitzahlen zwischen 1:30 und 1:40 ganz normal.

Vereinfacht ausgedrückt bedeutet eine Gleitzahl von z. B. 1:60, dass ein Flugzeug im reinen Gleitflug, also ohne Motor und bei ruhiger Luft ohne Auf- oder Abwind, aus einer Höhe von 1 km über Grund eine Strecke von 60 km zurücklegen kann. Selbstverständlich ist dies ein theoretischer Wert, da absolut ruhige Luft in der Praxis kaum vorkommt.


Wie ein Segelflugzeug fliegt:

Ein reines Segelflugzeug ist grundsätzlich nicht in der Lage, sich aus eigener Kraft in die Luft zu schwingen, es benötigt immer externe Hilfe. Dazu bieten sich mehrere Möglichkeiten an:

  • Der Start im Schlepp eines Motorflugzeuges. Dies ist die bequemste, aber auch kostspieligste Startart. Sie hat den Vorteil, dass Richtung des Fluges und Ausklinkhöhe praktisch frei wählbar sind und das Segelflugzeug damit am besten Anschluss an den für den weiteren Flug erforderlichen Aufwind findet. Besonders für Wettbewerbs- und sonstige Streckenflüge ist dies für reine Segelflugzeuge die einzig sinnvolle Startart.

  • Der Start mit einer elektrisch oder mit einem Verbrennungsmotor angetriebenen Motorwinde. Diese Startart ist geräuscharm und kostengünstig, setzt jedoch voraus, dass eine genügend lange Strecke für das Schleppseil zur Verfügung steht, ideal sind ca. 1.200 m. Gestartet wird, wie beim Motorschlepp auch, immer gegen den Wind. Bei kräftigem Wind sind Ausklinkhöhen über 500 m erreichbar. Abgesehen von der Anfangsphase erfolgt der Start ziemlich steil, vergleichbar mit dem Start eines Kinderdrachens.

  • Der Start mit einem im Segelflugzeug eingebauten, einklappbaren Triebwerk. Streng genommen handelt es sich dabei um einen Motorsegler. Moderne Motoren und Antriebe sind jedoch heute so konstruiert, dass sie nach dem Start völlig im Flugzeugrumpf verschwinden, die Aerodynamik des Segelflugzeugs nicht beeinträchtigen und so Höchstleistungen im reinen Segelflug ermöglichen. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil ist, dass das Triebwerk bei Nachlassen der Thermik ausgefahren werden kann und Außenlandungen damit vermieden werden.

  • Der Start im Schlepp eines Motorfahrzeugs. Da für diese Startart sehr viel Strecke benötigt wird, ist sie bei uns unüblich, wird jedoch u. a. gelegentlich in den U.S.A. praktiziert.

  • Der bereits erwähnte Start mit dem Gummiseil, der heute nur noch selten aus nostalgischen Gründen durchgeführt wird.


Ist das Segelflugzeug einmal in der Luft, dann gibt es grundsätzlich nur zwei Möglichkeiten, längere Flüge durchzuführen, die über das reine Abgleiten der Schlepphöhe hinausgehen: den Flug im Hangaufwind und den thermischen Segelflug.

  • Der Flug im Hangaufwind: Dieser ist nur möglich, wenn ein Hang oder eine Gebirgskette von einem kräftigem Wind angeblasen wird. Der Pilot kann dann in dem dadurch entstehenden Aufwind entlang des Hangprofils Höhe gewinnen. Ein besonders gutes Beispiel dafür ist der in Bayern sehr bekannte Föhn, der dann entsteht, wenn kräftige, aus südlicher Richtung kommende Winde die Alpen anblasen. Die genannten Hangaufwinde pflanzen sich dann über den Alpenkämmen wellenförmig bis in große Höhen fort. In diesen "Föhnwellen" sind in den Alpen bereits Segelflüge bis in eine Höhe von ca 11 km (!) durchgeführt worden. In Kalifornien wurde auf diese Weise der jetzige Weltrekord mit 14.938 m Startüberhöhung (Differenz zwischen Ausklinkhöhe und maximal erreichter Höhe) erflogen.

  • Der thermische Segelflug: Voraussetzung dafür ist das Entstehen von thermischen Aufwinden, die stark genug sind, ein Segelflugzeug mit nach oben zu nehmen. Am häufigsten ist die durch Sonneneinstrahlung entstehende Thermik. Vereinfacht dargestellt, erwärmt die Sonne die Erde, diese wiederum erwärmt die über ihr ruhende Luft. Wird ein Luftpaket durch besonders günstige Bodenverhältnisse - ein gutes Beispiel ist ein Steinbruch - stärker aufgeheizt, als die Umgebungsluft, so wird es leichter als diese und beginnt zu steigen. Von unten strömt neue Luft nach, es entsteht ein aufsteigender "Luftschlauch", der einen Durchmesser von einigen Dutzend Metern bis zu etlichen hundert Metern haben kann. In diesem Luftschlauch kreist der Pilot mit seinem Segelflugzeug und wird so, bei genügend starker Thermik und sauberem Fliegen, mit nach oben genommen. Steigwerte über 3 m/sek. und im Thermikflug erreichte Höhen von mehr als 2.000 m über Grund sind im Flachland relativ selten.


Entgegen der bei Außenlandungen auf der grünen Wiese häufig gestellten Frage "Ist Ihnen der Wind ausgegangen?", benötigt der Segelflieger Wind nur beim Fliegen am Hang oder in den o. a. Föhnwellen. Beim thermischen Segelflug stört Wind eher, da er die thermischen Aufwindkanäle zerreisst oder turbulent und damit schwer ausfliegbar macht.